Fiktion oder Wahrheit? - Die sagenhafte Geschichte vom Bergbau im Suggental

Frühmorgens im Suggental - irgendwann im Jahre 1298. Es beginnt einer dieser Tage, wie es schon viele davor gab: Frühmorgens ziehen die Bergleute in großen Scharen los und fahren in das Silberbergwerk des Tals ein. Es ist eine reiche Grube, die zu dieser Zeit eine überdurchschnittlich gute Ausbeute an Silber, Blei und Kupfer liefert. Auch im nahegelegenen Dorf beginnt das alltägliche Treiben: Schmiede fertigen und reparieren das Werkzeug für die Bergleute, eine Erzpoche beginnt das in den Vortagen gewonnene Erz zu zerkleinern, ein Schmelzofen wird angefacht, und auch die Frauen des Dorfes gehen ihren alltäglichen Arbeiten im Haushalt bzw. im Stall nach. Sogar für die Kleinen beginnt mit dem Krähen des Hahnes der Arbeitstag: Zuerst den Eltern im Stall bei den Tieren helfen, nach einem kurzen Frühstück verdingen viele ihren Unterhalt in den Pochwerken, bzw. verlesen und pochen von Hand das Erz aus dem tauben Gestein, das die Bergleut am Vortag zu Tage gefördert haben. Im Alter zwischen 10 und 14 Jahren sind die Jungen den Strapazen im innern der Grube gewachsen und dürfen/müssen ins Bergwerk einfahren.

Nur - etwas ist an diesem Tag anders als sonst. Vielen Dorfbewohnern fällt der sich bedrohlich verdunkelnde Himmel über den neuen Staudämmen im oberen Talbereich auf - Teil einer wassertechnischen Meisterleistung, zu der es keinen Vergleich gibt. Im Jahre 1284 begonnen, liefert nun ein 15 km langer Hangkanal, der in mehreren Becken im oberen Talbereich gestaut wird, ganzjährig genügend Wasser, um die Wasserräder, mit denen Pumpen, Pochen usw. versorgt werden, zu betreiben.

Es beginnt zu regnen. Zunächst tröpfelt es nur leicht, dann zucken Blitze durch den Himmel, ein Sturm kommt auf, und schließlich öffnet der Himmel seine Schleusen. Verängstigt fliehen viele Dorfbewohner in die nahe liegende Kirche des Dorfes, oder suchen unter den Mauern der Dorffeste Schutz. Viele glauben, Gottes Strafe würde sie treffen. Von all diesen Vorgängen kriegen die untertage arbeitenden Bergleute noch nichts mit.

Immer stärker wird das Unwetter, Unmengen Regen prasseln auf das Tal und seine umliegenden Berge nieder. Langsam und stetig füllen sich auch die Staudämme oben im Tal, bis sie den Wassermassen nicht mehr standhalten. Ein zunächst leises, dann immer lauter werdendes Grollen lässt die Dorfbewohner zusammenzucken. Was nie für möglich gehalten wurde, geschieht nun. Der oberste Damm bricht zuerst. Das Wasser des Beckens schießt talabwärts, direkt auf das darunter liegende Becken zu. Dieses ist dem Druck des Wassers nicht gewachsen - sein Damm bricht ebenfalls. Es entwickelt sich eine Flutwelle, die immer schneller in das Tal fließt - auf die offenen Stollen und Schächte zu. Schließlich erreicht sie die ersten Häuser, die der Kraft des Wassers nichts entgegenzusetzen haben und fortgespült werden. Die ersten Schächte: Gurgelnd stürzt das Wasser hinab in die Gruben. Man hört Holz splittern, Menschen schreien. Die untertage arbeitenden Bergleute trifft die Flutwelle völlig überraschend, sie haben keine Chance…

Am Ende dieses Tages sind das Dorf und die Silbergruben des Suggentales Geschichte. Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Geschichte des Dramas durch die Lande. Man ist überzeugt, Gottes Strafe hätte das Tal getroffen. Der Bergbau wird für die nächsten Jahrhunderte komplett eingestellt, und auch später nicht wieder zu alter Blüte finden.

Was ist dran an dieser Sage vom Suggental, wie sie durch die Jahrhunderte überliefert wurde?

Die geschichtlichen Überlieferungen sind nicht eindeutig. Das so abrupte Ende des suggentäler Bergbaus im 13. Jahrhundert könnte auch im Zusammenhang mit einem für 1298 belegten aus dem Elsaß kommenden kriegerischen Einfall ins Glottertal und benachbarte Täler stehen, bei dem die Silberbergwerke zerstört wurden: "...terram comitis Fryburgensis potenter ingreditur et vallem Glotyri et alias valles pro viribus deleverunt..." ... "...et res comitis Fryburgensis pro viribus devastare. Qui circa festum sancti Martini plures valles fortes, quas exercitus nullus unquam invaserat, intraverunt et fodinas argenti destruxerunt et cultores eorum coegerunt" (Colmarer Chroniken).

So besteht natürlich auch und vielleicht sogar eher die Möglichkeit, daß erst beide Ereignisse - zuerst ein in seinen Auswirkungen möglicherweise beschränktes Unwetter, anschließend dann weitere Verwüstung und vor allem Vertreibung der Bergleute durch kriegerische Ereignisse den Niedergang des Bergbaus zum Ende des dreizehnten Jahrhunderts brachten. Es steht zu hoffen, daß die Forschungsgruppe Suggental hier eines Tages mehr Licht in das Dunkel der Geschichte bringen kann.

Weiterhin mag es als schwer vorstellbar erscheinen, wenn man die Topografie des Tales bedenkt, daß selbst eine größere Wassermenge mit reichlichem Erd- und Schlammzuschlag nicht nur die in der Talsohle gelegenen Stollen und Schächte, sondern ebenfalls sämtliche der an den Talhängen gelegenen Bauten erreicht und geflutet haben soll. Die früher in diesem Zusammenhang oft genannte Flutwasserstandsmarke in der am Friedhof gelegenen Kapelle hat sich inzwischen als durch in den Mauern aufgestiegenes Wasser verursacht herausgestellt und wurde so auch erst später ausgemalt und tradiert.

Ebenso sollte in Betracht gezogen werden, daß die Sage im großen und ganzen erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts weitere Verbreitung fand (Manuskript Isaac Trantenbach, 1777) und wohl zur Propagierung der Aufnahme erneuter Bergbautätigkeit dienen sollte. Dies erscheint einleuchtend, wenn man bedenkt, daß eventuelle Kapitalgeber wohl eher zu Risiken bereit sein mögen, wenn die Aufgabe vorherigen Bergbaus auf eine abrupte Katastrophe anstatt auf Erschöpfung der Erzlager zurückgeführt werden kann. Auffällig dabei ist so die annähernde Gleichzeitigkeit der Aufnahme erneuten Bergbaubetriebes unter vorderösterreicher Regie (1776) mit dem Erscheinen des Trantenbachschen Manuskriptes.

Fazit

Tatsache jedenfalls ist, daß im Suggental in historischer Zeit intensivst Bergbau betrieben wurde. Davon berichten nicht nur historische Überlieferungen aus dem 18. Jahrhundert, sondern auch die grosse Vielzahl von Bergbauspuren wie Pingen, Halden und Stollenmundlöchern, die noch heute zu finden sind.
Bekannt ist zur Geschichte bisher folgendes:

Die Anfänge...

Während die Anfänge vermutlich bis in römische Zeit zurückreichen (dies kann jedoch nur vermutet werden, da ein diesbezüglicher Nachweis noch nicht erbracht worden ist), erlebten der Bergbau und das Tal im 13. Jahrhundert seine Blütezeit. Das bergbauliche Interesse galt hauptsächlich den Metallen Silber und Blei, aber auch Kupfer und Eisen wurden im Suggental gewonnen. Die Suggentäler Gruben galten im 12. und 13. Jahrhundert als die reichsten im Breisgau, und so hieß das Suggental zu dieser Zeit auch "Reichenthal".

Die Blütezeit...

Als das Grubengebäude immer mehr in die Tiefe wuchs, wurden Maßnahmen zur Wasserhaltung notwendig. Wasserräder und damit betriebene Pumpen sollten den Wasserstand in den Gruben regulieren und zusätzlich die Förderung des gebrochenen Materials erleichtern. Um genügend Aufschlagwasser für die Wasserräder zu erhalten, wurde im Jahre 1284 ein Hang-Wassergraben (sogenannter "Ur-" oder "Wuhrgraben") von insgesamt 15 km Länge gebaut, der Wässer an der Ost- und Südseite des Kandels sammelte.

Der Untergang...

Die somit ins Suggental herangeführten Wässer wurden im oberen Bereich des Tales in Rückhaltebecken aufgestaut, um zu jeder Jahreszeit genügend Wasser für den Betrieb der Wasserräder zur Verfügung zu haben. Möglicherweise brachen gegen Ende des 13. Jahrhunderts (1288, nach anderen Quellen 1298) die Dämme der Rückhaltebecken durch ein schweres Unwetter und die in Richtung Elztal herabstürzenden Wassermassen überschwemmten die Gruben schlagartig, wobei die meisten Bergleute und Bewohner des Tales ums Leben kamen; das Tal selbst blieb der bekannten Sage zufolge zusätzlich für lange Zeit unbewohnbar. Ob nun durch die Folgen eines Unwetters, der Verwüstung durch Heerhaufen oder beidem zusammen in Folge - der Bergbau selbst sollte nach dieser Verwüstung nie wieder zu alter Blüte finden.

Nachwehen

Erst in den Jahren 1776 – 1789 gab es wieder Versuche, den alten Bergbau im Suggental neu zu beleben. Eine Gewerkschaft, der eine Reihe wohlhabender Bürger aus Waldkirch und Umgebung, z.T. sogar aus Oberschwaben, angehörten, wurde vom Steiger J. Ortlieb und dem Kollnauer Bürger S. Dietz gegründet und der Josephi–Stollen wieder eröffnet. Durch Misswirtschaft verschuldete sich die Gewerkschaft aber rasch, und so kam der Bergbau um das Jahr 1789 erneut zum Erliegen. Zwar wurden in dieser Zeit auch noch verschiedene bergmännische Untersuchungen zur Ergiebigkeit der Gruben im Auftrag der obersten vorderösterreichischen Bergbehörde in Tirol durch den Freiherrn von Vernier und einen Herrn von Carato unternommen, der Grubenbetrieb in größerem Stile jedoch nicht mehr aufgenommen.

Alle historischen Beschreibungen, die vom Bergbau im Suggental zeugen, stammen aus dieser Periode. Sie stellen das wertvollste historische Zeugnis bei der Rekonstruktion des mittelalterlichen Grubenbetriebes dar.

Siegel aus der Verleihungsurkunde von 1784

Erst mit dem beginnenden 20. Jahrhundert flammte das Interesse an den Rohstoffen im Suggental erneut auf – diesmal standen allerdings nicht mehr Silber, Blei, Eisen und Kupfer im Vordergrund des Interesses, sondern der hier reichlich und in sehr reiner Form auftretende Baryt (Schwerspat). Zwischen 1910 und 1914 unternahm die Schwarzwälder Barytwerke GmbH Wolfach Explorationsarbeiten, wobei unter dem Namen „Grube Erich“ der St. Anna und der heute so genannte Matze – Stollen angelegt wurden. Von 1927 – 1933 wurde der Abbau durch die „Suggentäler Barytwerke“ unter der Leitung des Haslacher Bürgermeisters Leopold Selz betrieben, eine Belegschaft von 15 - 20 Mann arbeitete noch bis in das Jahr 1938 hinein.

Ein Bild aus der Zeit um 1937/38: Mundloch Matzestollen

Seit dieser Zeit ruht der wirtschaftlich betriebene Bergbau im Suggental.